Manchmal fühle ich mich wie Scar aus Der König der Löwen. Ich bin umgeben von Idioten. Es ist schockierend zu sehen, wie wenige Leute heutzutage nicht mehr über das nachdenken, was sie tun, machen oder sagen, besonders diejenigen, die in meinem Alter sind. Die meiste Zeit des Tages bin ich unter Kollegen, die zwischen 17 und 23 Jahre alt sind. Das klingt mit Sicherheit überheblich, jedoch habe ich das Gefühl, dass ich als einer der wenigen eine gute Erziehung genossen habe. Sowohl meine Eltern als auch meine Schule haben mir Respekt, die Grundsätze der Gleichberechtigung und Anstand beigebracht. Leider sehe ich diese Werte heute immer weniger und seltener.
Was mich schon immer hat zusammenzucken lassen, ist das Wort "behindert" im beleidigenden Kontext. Ich erinnere mich noch dunkel daran, wie ich dieses Wort damals im Kindergarten aufgeschnappt hatte und anfing, es zu nutzen, ohne mir der Bedeutung klar zu sein. Als mein Bruder gehört hatte, wie ich es benutzte, erklärte er mir, was es bedeutet und dass ich es niemals als Beleidigung sagen darf. Mein Bruder war vielleicht 10 Jahre alt zu dieser Zeit UND ER WUSSTE ES. Seitdem habe ich "behindert" nicht mehr im abwertenden Sinne gesagt. Ich meine, das Wort sei in meiner Schule auch nicht wirklich benutzt worden, zumindest erinnere ich mich nicht daran. Als ich dann meine Ausbildung anfing und unter Menschen meines Alters war, wurde ich regelrecht damit erschlagen. Es fühlt sich an, als sei es ein Synonym für scheiße/dumm/bescheuert geworden, was mich extrem aufregt. Behindert scheint nun total in Mode zu sein, so häufig, wie ich es am Tag höre, hat es Chancen auf das Jugendwort des Jahres. Wenn man versucht, die Leute, die es benutzen, darauf anzusprechen, kommt meist die gleiche Antwort "Chill mal, das sagt man heute so, du überreagierst". Damit gebe ich mich allerdings nicht zufrieden. Diese Floskel, um etwas schlecht zu machen und gewollt zu beleidigen, ist Sprachdiskriminierung auf höchstem Niveau. Manchmal frage ich mich, ob sie überhaupt die Bedeutung dieses Wortes kennen, oder ob es bereits vollkommen aus ihrem Wortschatz gelöscht wurde und sie es nur noch als Abwertung kennen. Ich glaube nicht, dass denjenigen eigentlich klar ist, was sie überhaupt von sich geben. Indem man das Wort "behindert" als Beleidigung nutzt, impliziert man automatisch, dass behindert sein etwas Abfälliges ist und besagte Menschen nicht so viel wert sind wie gesunde - ob bewusst oder unbewusst. Sprache ist mächtig. Sie falsch zu nutzen, kann fatal sein. Aus diesem Grund werde ich auch nicht "chillen". Leute, die behindert als Schimpfwort nutzen, sind behindertenfeindliche Arschlöcher, Punkt.
(An dieser Stelle eine Serienempfehlung von mir - Atypical auf Netflix! Habe die Serie durchgesuchtet.)
Was mich gleich zum nächsten Punkt führt! Wer hätte es gedacht - das Gleiche, was für "behindert" gilt, gilt auch für "schwul". Leute, die dieses Wort im negativen Kontext nutzen, sind schlichtweg homophob. Da gibt es nichts zu diskutieren. Worte, die marginalisierte Gruppen diskriminieren (die es im Übrigen schon schwer genug im Leben haben), sollte eigentlich jeder mit einem Hauch von Verstand vermeiden. Es ist einfach verletzend und ich verstehe in diesem Fall auch keinen Spaß. Es ist so leicht, ein paar Worte zu vermeiden. Ich erwarte nichts Unmögliches, sondern nur etwas Rücksicht und Respekt. Leider scheint selbst das von den meisten Menschen zu viel verlangt zu sein.
Was ich in letzter Zeit leider auch immer öfter mitbekomme, ist besonders stark Bi- und Transfeindlichkeit. Leider selbst von Leuten, die sich selbst als queer bezeichnen. Es tut mir leid - okay, eigentlich tut es mir überhaupt nicht leid - aber Homosexuelle, die feindliche Kommentare gegenüber diesen Menschen machen, haben ihre LGBT-Community Karten verspielt. Die LGBT-Community sollte ein Ort sein, der von Positivität und Unterstützung aufgebaut ist. Was ist denn an Bisexualität und Transgender nicht zu verstehen? Ein einfaches Beispiel - es gibt Leute, die nur Hunde mögen. Es gibt aber auch welche, die nur Katzen mögen. Beides ist absolut akzeptabel. Manche Leute mögen aber auch Hunde und - oh mein Gott, das ist sicherlich eine riesige Erkenntnis - KATZEN. Genauso ist das mit Menschen. Ich kriege auch die Krätze, wenn jemand der Meinung ist, er hätte das Recht zu sagen, Bisexuelle wären eher anfällig dafür, ihren Partner zu betrügen, "weil die Auswahl ja so groß ist", es sei nur eine Phase oder dass sie sich "am Ende eh immer für eine Seite entscheiden". Dabei ist es doch so simpel. Wieso sollte man jemanden betrügen, den man liebt? Man hört doch ständig auch von Heteros, die ihre Partner betrügen. Wenn jemand betrügt, liegt das sicherlich nicht an seiner sexuellen Orientierung, sondern daran, dass er seinen Partner betrügt. Und OH MEIN GOTT, diese schlimmen Bisexuellen, die sich irgendwann in jemanden verlieben und denjenigen heiraten und ein glückliches Leben führen - eine Schande, dass sie sich immer für eine Seite entscheiden! Wenn eine Bi-Frau mit einem Mann zusammen ist, bedeutet das nicht, dass sie urplötzlich hetero ist. Gleiches gilt für Bi-Männer. Ebenso heißt es nicht, dass wenn sie mit einem Partner des gleichen Geschlechts zusammen sind, urplötzlich lesbisch oder schwul sind. Sie sind weiterhin bisexuell. Soviel dazu. Nun zur Transfeindlichkeit. Es schockiert mich zutiefst, wenn sich über Transgender lustig gemacht wird. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwer einen dummen Kommentar ablässt. So schnell sind wir wieder beim Thema diskriminierender Sprache. Ein gern genutztes Schimpfwort der Jugend scheint Transe zu sein, was äußerst verachtend und abwertend ist. Das Schlimmste, was ich bis jetzt in meiner Umgebung mitbekommen habe, war als ein Kollege von mir zu einem anderen meinte, er sehe aus wie eine Transe und solle doch mal sein Shirt hochheben, da seien bestimmt zwei Narben zu sehen. Wie respektlos, dumm und herablassend muss man sein, um so etwas zu sagen? Die meisten Leute scheinen zu denken, dass Transgender ein Lifestyle sei. Dass die Leute froh und stolz sind, im falschen Körper geboren zu sein - dass es eine Entscheidung ist. Wer würde sich denn freiwillig so etwas wünschen? Eine US-Studie zeigt, dass die Selbstmordrate bei jungen Transmännern zwischen 11 und 19 Jahren bei über 50% liegt. Außerdem ist die Transdiskriminierung in den USA selbst von der Regierung legalisiert (bzw. versucht Trump sie zu legalisieren). Doch auch in Deutschland lese ich leider viel zu oft von Zwischenfällen. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie schrecklich es sein muss, nicht zu wissen, auf welche Toilette man gehen kann (etwas, was für uns alle das Normalste der Welt ist), ohne in Gefahr zu sein. Als hätten Trans-Personen es nicht schon schwer genug im Leben, werden sie von der Gesellschaft diskriminiert und ausgeschlossen, anstatt unterstützt zu werden. Einfach widerlich.
Über die Diskriminierung von LGBT könnte ich mich stundenlang aufregen, doch wie ich vorhin schon erwähnte, finde ich es abscheulich, wenn die Diskriminierung aus der eigenen Community kommt. Das B und das T sind ebenso Bestandteile wie das L und das G, darüber muss man sich klar sein. Wir sollten einander respektieren und unterstützen, da wir letztendlich doch alle im gleichen Boot sitzen. Zumindest ist das meine Meinung.
Das nächste und auch letzte Thema, über das ich schreiben möchte, ist Feminismus. Ich frage mich wirklich oft, weshalb die meisten Menschen so ein falsches und verzerrtes Bild vom Feminismus haben. Sobald ich jemandem offenbare, dass ich mich selbst als Feministin sehe, werde ich in den meisten Fällen schief angeschaut. Manchmal rätsel ich, was wohl schlimmer für all die ignoranten Menschen in meiner Umgebung ist - dass ich feministisch oder lesbisch bin.
Beim Feminismus geht nicht darum, dass wir Männer unterwerfen wollen, sondern einzig und allein um Gleichberechtigung. Frauen sollen die Wahl haben. Ich frage mich oft, woher eigentlich diese Feindseligkeit (auch von anderen Frauen) gegenüber Feministinnen kommt, die für ihre Rechte kämpfen und verlangen, ernst genommen zu werden, die aber gleichzeitig ihre Weiblichkeit feiern und offen mit ihrer Sexualität umgehen. Ich sehe dabei keinen Gegensatz. Es geht doch darum, dass wir uns nicht objektivieren lassen müssen und dass unser Körper nur uns gehört. Ich sehe im Sommer ständig Männer, die oberkörperfrei rumlaufen, ganz ohne Probleme. Sollte eine Frau dies tun, wird sie Schlampe genannt und im schlimmsten Fall noch sexuell belästigt. Es ist doch ganz einfach. Solange es Sexismus gibt, muss es Feminismus geben. Erst letztens gab es die Volksabstimmung zur Änderung der Hessischen Verfassung. Darunter wurde auch über die Änderung der Landesverfassung zum Thema Gleichberechtigung von Frau und Mann abgestimmt. Das Ergebnis ist, dass gerade mal 88,6% der Hessen für die Änderung gestimmt haben. Ich möchte an dieser Stelle einmal betonen, dass 90,9% der Wähler ihre Stimmen für die Erweiterung des Datenschutzes abgegeben haben. Wir leben also in einem Deutschland, das es für wichtiger erachtet, die Daten zu schützen, als die Gleichberechtigung zu fördern. Genau das ist doch ein Beweis dafür, dass wir Frauen weiterkämpfen müssen. Leider ist unsere Generation von Mädchen aber alles andere als daran interessiert, was unsere Vorfahrinnen für uns getan haben. Das Frauenwahlrecht, das Mitbestimmungsrecht über die eigenen Kinder, Arbeiten ohne die Zustimmung des Vaters oder Ehemanns, die Möglichkeit, ein eigenes
Konto zu führen oder der Schwangerschaftsabbruch - das alles war damals nicht selbstverständlich. Es waren harte Kämpfe, aber sie sind noch nicht vorbei. Auch wenn das Grundgesetz die Gleichberechtigung von Frau und Mann vorsieht, sieht es in der Realität nun mal anders aus. Der Gender Pay Gap, die Frauenquote (erst wenn diese abgeschafft wird, haben wir das Ziel erreicht, da dann automatisch genügend Frauen in Führungspositionen sind), sexuelle Belästigung und die #MeToo Bewegung, Politik, die unseren Uterus betrifft, Geschlechterrollen - solange all diese Probleme (und noch viele mehr) nicht aus der Welt geschaffen sind, ist Feminismus nötig. Wir müssen uns für alle Frauen einsetzen, uns auch mit den Problemen von farbigen Frauen und Transfrauen beschäftigen, ebenso wie mit den Problemen, die nicht direkt vor unserer Nase stattfinden, so zum Beispiel Zwangsheirat oder Beschneidung von Mädchen. Solidarität, Empowerment und Bildung sind die Stichwörter.
Zu guter Letzt hier noch drei inspirierende Zitate von Atticus Finch aus To Kill a Mockingbird von Harper Lee.
"Are you proud of yourself tonight that you have insulted a total stranger whose circumstances you know nothing about?"
"You never really understand a person until you consider
things from his point of view until you climb into his skin and walk
around in it."
"You just hold your head high and keep those fists down.
No matter what anybody says to you, don’t you let ‘em get your goat. Try
fighting with your head for a change. "
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