Dies ist ein Gastbeitrag von meiner Freundin Lilith zum Thema "sexpositiver Feminismus".
Ich bin Feministin. Um genauer zu sein, bin ich eine sexpositive
Feministin und alleine mich dazu äußern zu müssen, dass ich für das
Ausleben der weiblichen Sexualität bin, ist für mich befremdlich. Denn
grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass jeder Mensch sein Sexualleben
doch bitte so ausleben soll, wie die Person das möchte, solange alles
einvernehmlich geschieht. Aber fangen wir am Anfang an.
Das erste Mal mit dem Thema Sex kommen die meisten wohl erst so richtig
während ihrer Schulzeit während Sexualkunde in Berührung, bei mir
war es nicht anders. Mein Unterricht war nie so wirklich spannend und
eigentlich kann ich mich an das meiste auch gar nicht mehr so richtig
erinnern. Das Einschneidendste war nach wie vor der „Kondom-Vorfall“ für
mich. Wir sprachen über die verschiedenen Verhütungsmöglichkeiten, bis
unsere Lehrerin schließlich auf die Schwächen des Kondoms in der Praxis
einging. Dabei sprach sie nicht etwa die Möglichkeit an, dass es reißen
könnte oder die falsche Größe ausgewählt wurde, nein, sie sprach davon, wie das
Überziehen des Kondoms die Stimmung und das Sexualerlebnis ruinieren und
es im Eifer des Gefechts auch schon mal vergessen werden kann. Bis
heute schockiert mich diese Aussage zutiefst, mal davon abgesehen, dass
das Kondom die bisher einzige Verhütungsmethode für Männer darstellt,
stellte sie die Stimmung und das Gefühlserlebnis vor den Schutz vor
sexuell übertragbaren Krankheiten und einer ungewollten Schwangerschaft
und sie tat noch etwas ganz anderes - sie setzte automatisch voraus, dass
jede von uns ganz selbstverständlich mit der Antibabypille verhüten
würde. Die Risiken, die von der Pille ausgehen, wurden nie erwähnt, genau
so wenig wie der „Aufbau“ der Vagina. Natürlich haben auch wir damals
einen Querschnitt mit den entsprechenden Bezeichnungen bekommen, aber
ein wirklich tieferes Verständnis über mein Reproduktionsorgan und
dessen „Arbeitsweise“ (nein, ich rede hier jetzt nicht von der Periode)
habe ich durch diesen Unterricht nie erlangt.
Zum Glück gibt es ja
noch einen anderen Weg, sich und seinen Körper besser kennenzulernen: die
Selbstbefriedigung. Sie stellt eine der ersten Möglichkeiten, sich mit
seiner eigenen Sexualität und Vorlieben vertrauter zu machen, dar, dabei entdeckt man, was einem gefällt und einem nicht gefällt, ohne dafür zwingend
einen Partner zu brauchen und man kann dadurch auch die eigene Bindung zu
seinem Körper stärken. Dass junge Männer sich sexuell befriedigen ist
bekannt, man denkt eigentlich gar nicht weiter drüber nach, denn das ist
ja vollkommen normal. Dass auch junge Frauen eines ihrer menschlichen
Grundbedürfnisse so ausleben ist zwar nicht gänzlich unbekannt, aber
doch nach wie vor viel mehr tabuisiert, besonders wenn sich Frauen dann
auch noch an Pornos als visuelles Medium ihrer Lust bedienen. Ich schaue
hin und wieder Pornos und mache da auch kein großes Geheimnis draus,
aber auch ich habe mich schon mehr als nur einmal gefragt, ob den
Betreibern dieser Website eigentlich klar ist, dass auch Frauen sich
ihre hochgestellten Videos anschauen. Wenn ich mir die eindeutig auf
Männer ausgerichtete Werbung ansehe - Pillen zur Vergrößerung des
Geschlechts oder Videospiele, bei denen man auf jeden Fall innerhalb einer
Minute ejakuliert, zweifle ich massiv daran, und das nervt schon hin und
wieder, weil man sich ja doch irgendwie „ausgeschlossen“ fühlt. Ich
durfte mir bereits schon häufiger anhören, dass ich als Feministin doch
unmöglich diese frauendegradierenden und allein zur Befriedigung des
Mannes dienenden Filme nicht ertragen könnte, aber genau in diesen
Aussagen liegt für mich der Knackpunkt. Ich will ja gar nicht
abstreiten, dass in vielen Pornos das Augenmerk auf die sexuelle
Befriedigung des Mannes gelegt oder die Frauen immer als überaus willig
porträtiert werden, aber am Ende des Tages ist das ein Film. Ein Film,
der einen aufzeigt, was für Möglichkeiten zur sexuellen Auslegung
existieren. Man muss nicht jedes Thema, das dabei aufgegriffen wird, gut
finden. Und wie jeder andere Film, kann auch ein Porno auf verschiedene Weisen interpretiert werden, wenn man jedoch von vornherein sagt, dass
Frauen nur zum Objekt in diesen Darstellungen werden, ignoriert man
meiner Ansicht nach ihre Sexualität vollkommen. Es gibt Frauen, die beim
Sex gerne die Kontrolle abgeben und sich benutzen lassen, genauso gibt
es Frauen, die ihren Partner*in lieber dominieren, jede*r lebt seine /ihre
sexuellen Fantasien anders aus und wenn nun behauptet wird, dass Frauen
in diesen bildlichen Darstellungen niemals mehr als ein Objekt sein
können, missachtet man ihre sexuelle Selbstbestimmtheit, schränkt diese
ein und behauptet unterschwellig, dass Frauen an sich gar keinen Spaß an
den sexuellen Handlungen haben. Außerdem unterstellt man Männern damit
grundsätzlich, dass sie von der Unterdrückung der Frauen erregt werden,
was auf die Mehrheit der Männer nicht zutrifft. Was jedoch am häufigsten
ignoriert wird, ist die Tatsache, dass Pornos ein Fantasieprodukt sind
und NICHT das tatsächliche Sexleben darstellen. Man sieht Schauspielern
dabei zu, wie sie eine Rolle spielen und kann sich dann vielleicht
selbst etwas von dieser Rolle inspirieren lassen: à la „Vielleicht sollte
ich das auch mal ausprobieren“. Wie dieses Ausprobieren dann aussieht,
ist jeder/jedem selbst überlassen, solange es im gemeinsamen
Einvernehmen geschieht. Pornos stellen ein Medium dar, welches dazu
geeignet ist, seinen eigenen Horizont zu erweitern und sie können je nach
Genre sehr inclusive Bodypositive sein und sollten daher nicht von
vornherein so schlecht gemacht werden.
Was ebenfalls nicht von
vornherein abfällig betrachtet werden sollte, ist das jeweilige Sexleben
einer Frau. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele „Regeln“
es für Frauen im Umgang mit Sex gibt. Als Jugendliche muss man ja
grundsätzlich erst mal das richtige Alter haben, auf keinem Fall darf
man zu jung sein, was würde das denn sonst über einen aussagen? Dann
darf man auf gar keinen Fall zu schnell innerhalb der Partnerschaft mit
der Partnerin/dem Partner schlafen, sonst wirkt es so, als sei man
leicht zu haben. Auch die Anzahl der Sexualpartner*innen sollte
möglichst gering gehalten werden, sonst wird man schnell als
„Flittchen“, „Schlampe“ oder „notgeiles Miststück“ abgestempelt. Meine Großmutter und auch meine Mutter haben mir mehr als nur einmal eingebläut, dass
es einer Frau immer anhängen würde, wenn bekannt würde, mit wie vielen
Männern/Frauen sie nun tatsächlich geschlafen hat. Aber wieso genau? Bei
Männern interessiert sich kaum jemand für die Anzahl der Bettpartner*innen, denn
ihr Ansehen oder sozialer Status leidet im Regelfall nicht unter einem
ausgeprägten Sexleben und dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern
ist meiner Meinung nach auf die Unterdrückung der weiblichen
Sexualität zurückzuführen. Schaut man sich die Geschichte der weiblichen
Sexualität an, wird schnell deutlich, dass besonders die weibliche
Jungfräulichkeit lange Zeit maßgebend für den Wert einer Frau war und der
Sexakt an sich zunächst den Genüssen des Mannes und der Fortpflanzung
dienen sollte, besonders religiöse Behauptungen stellen hierfür einen
großen Punkt dar. So hatte die Kirche besonders im Mittelalter sehr
klare Regeln aufgestellt, wie der Sex zwischen Ehepartnern ablaufen
sollte: möglichst diskret und ohne große Freude.
Ebenfalls richtete sich
die Kirche massiv gegen die sexuelle Aufklärung, besonders gegen die
Aufklärung von Frauen, und tabuisiert Sex weiterhin als etwas, über das
man auf gar keinen Fall offen reden sollte. Bis vor einigen Jahrzehnten
wurden die Mehrheit der Frauen nie wirklich aufgeklärt. Vergewaltigungen
in der Ehe waren normal und lange Zeit auch legal, um das gegenseitige
Einverständnis kümmerte sich niemand, denn immerhin waren die Paare ja
verheiratet, als wäre das der Freifahrtsschein, seine Triebe ungestört
auszuleben. Auch wenn sich heutzutage bereits einiges geändert hat,
geschah dies in vergleichsweise kurzer Zeit und daher ist dieser
unterschwellige Gedanke, dass das selbstbestimmte Ausleben weiblicher
Sexualität etwas Falsches an sich hat, nach wie vor erhalten geblieben.
Deswegen nutzt man Slutshaming und unüberlegte Aussagen („Wenn eine Frau
mit 50 Männern schläft, dann ist sie untenrum irgendwann ganz
ausgeleiert und dann spürt man beim Sex ja auch gar nichts mehr“ ist
einer meiner Lieblingsaussagen, weil sie so schön unlogisch ist. Wenn
eine Frau 50-mal mit dem gleichen Mann schläft, müsste diese Aussage ja
dann auch zutreffen, aber bisher habe ich noch von keinem Mann gehört,
der seine Partnerin nach dem 50. Mal aufgrund einer „ausgeleierten
Vagina“ gewechselt hat.) um Frauen ein schlechtes Gewissen zu machen und
zu versuchen, sie daran zu hindern, ihr Sexleben nach ihren Wünschen zu
gestalten. Deswegen sollten Frauen sich von solchen Kommentaren nicht
verunsichern lassen. Die Einstellung und das Ausleben der eigenen
Sexualität ist etwas sehr persönliches, deswegen sollte man sich auch
nur nach sich selbst richten und sein Sexualleben so gestalten, wie man
selbst das möchte - solange man immer mit Einverständnis des erwachsenen
Partners/der erwachsenen Partnerin handelt.
Dieser Blogeintrag ist eine Kollaboration
zwischen mehreren Feministinnen. Falls euch dieser Beitrag gefallen hat,
geht es hier zu den Posts der anderen Mädels:
World of Enchantment - Let's talk about sex, baby ♀ Part 1
Hühnerwelt - Meine Gedanken über... Feminismus
Mein Weg zu Nachhaltigkeit und Selbstakzeptanz - Über die "Schlampenlogik" und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen
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