Saturday, 19 January 2019

Let's talk about sex, baby ♀ Part 2

Dies ist ein Gastbeitrag von meiner Freundin Lilith zum Thema "sexpositiver Feminismus".

Ich bin Feministin. Um genauer zu sein, bin ich eine sexpositive Feministin und alleine mich dazu äußern zu müssen, dass ich für das Ausleben der weiblichen Sexualität bin, ist für mich befremdlich. Denn grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass jeder Mensch sein Sexualleben doch bitte so ausleben soll, wie die Person das möchte, solange alles einvernehmlich geschieht. Aber fangen wir am Anfang an.

Das erste Mal mit dem Thema Sex kommen die meisten wohl erst so richtig während ihrer Schulzeit während Sexualkunde in Berührung, bei mir war es nicht anders. Mein Unterricht war nie so wirklich spannend und eigentlich kann ich mich an das meiste auch gar nicht mehr so richtig erinnern. Das Einschneidendste war nach wie vor der „Kondom-Vorfall“ für mich. Wir sprachen über die verschiedenen Verhütungsmöglichkeiten, bis unsere Lehrerin schließlich auf die Schwächen des Kondoms in der Praxis einging. Dabei sprach sie nicht etwa die Möglichkeit an, dass es reißen könnte oder die falsche Größe ausgewählt wurde, nein, sie sprach davon, wie das Überziehen des Kondoms die Stimmung und das Sexualerlebnis ruinieren und es im Eifer des Gefechts auch schon mal vergessen werden kann. Bis heute schockiert mich diese Aussage zutiefst, mal davon abgesehen, dass das Kondom die bisher einzige Verhütungsmethode für Männer darstellt, stellte sie die Stimmung und das Gefühlserlebnis vor den Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten und einer ungewollten Schwangerschaft und sie tat noch etwas ganz anderes - sie setzte automatisch voraus, dass jede von uns ganz selbstverständlich mit der Antibabypille verhüten würde. Die Risiken, die von der Pille ausgehen, wurden nie erwähnt, genau so wenig wie der „Aufbau“ der Vagina. Natürlich haben auch wir damals einen Querschnitt mit den entsprechenden Bezeichnungen bekommen, aber ein wirklich tieferes Verständnis über mein Reproduktionsorgan und dessen „Arbeitsweise“ (nein, ich rede hier jetzt nicht von der Periode) habe ich durch diesen Unterricht nie erlangt.

Zum Glück gibt es ja noch einen anderen Weg, sich und seinen Körper besser kennenzulernen: die Selbstbefriedigung. Sie stellt eine der ersten Möglichkeiten, sich mit seiner eigenen Sexualität und Vorlieben vertrauter zu machen, dar, dabei entdeckt man, was einem gefällt und einem nicht gefällt, ohne dafür zwingend einen Partner zu brauchen und man kann dadurch auch die eigene Bindung zu seinem Körper stärken. Dass junge Männer sich sexuell befriedigen ist bekannt, man denkt eigentlich gar nicht weiter drüber nach, denn das ist ja vollkommen normal. Dass auch junge Frauen eines ihrer menschlichen Grundbedürfnisse so ausleben ist zwar nicht gänzlich unbekannt, aber doch nach wie vor viel mehr tabuisiert, besonders wenn sich Frauen dann auch noch an Pornos als visuelles Medium ihrer Lust bedienen. Ich schaue hin und wieder Pornos und mache da auch kein großes Geheimnis draus, aber auch ich habe mich schon mehr als nur einmal gefragt, ob den Betreibern dieser Website eigentlich klar ist, dass auch Frauen sich ihre hochgestellten Videos anschauen. Wenn ich mir die eindeutig auf Männer ausgerichtete Werbung ansehe -  Pillen zur Vergrößerung des Geschlechts oder Videospiele, bei denen man auf jeden Fall innerhalb einer Minute ejakuliert, zweifle ich massiv daran, und das nervt schon hin und wieder, weil man sich ja doch irgendwie „ausgeschlossen“ fühlt. Ich durfte mir bereits schon häufiger anhören, dass ich als Feministin doch unmöglich diese frauendegradierenden und allein zur Befriedigung des Mannes dienenden Filme nicht ertragen könnte, aber genau in diesen Aussagen liegt für mich der Knackpunkt. Ich will ja gar nicht abstreiten, dass in vielen Pornos das Augenmerk auf die sexuelle Befriedigung des Mannes gelegt oder die Frauen immer als überaus willig porträtiert werden, aber am Ende des Tages ist das ein Film. Ein Film, der einen aufzeigt, was für Möglichkeiten zur sexuellen Auslegung existieren. Man muss nicht jedes Thema, das dabei aufgegriffen wird, gut finden. Und wie jeder andere Film, kann auch ein Porno auf verschiedene Weisen interpretiert werden, wenn man jedoch von vornherein sagt, dass Frauen nur zum Objekt in diesen Darstellungen werden, ignoriert man meiner Ansicht nach ihre Sexualität vollkommen. Es gibt Frauen, die beim Sex gerne die Kontrolle abgeben und sich benutzen lassen, genauso gibt es Frauen, die ihren Partner*in lieber dominieren, jede*r lebt seine /ihre sexuellen Fantasien anders aus und wenn nun behauptet wird, dass Frauen in diesen bildlichen Darstellungen niemals mehr als ein Objekt sein können, missachtet man ihre sexuelle Selbstbestimmtheit, schränkt diese ein und behauptet unterschwellig, dass Frauen an sich gar keinen Spaß an den sexuellen Handlungen haben. Außerdem unterstellt man Männern damit grundsätzlich, dass sie von der Unterdrückung der Frauen erregt werden, was auf die Mehrheit der Männer nicht zutrifft. Was jedoch am häufigsten ignoriert wird, ist die Tatsache, dass Pornos ein Fantasieprodukt sind und NICHT das tatsächliche Sexleben darstellen. Man sieht Schauspielern dabei zu, wie sie eine Rolle spielen und kann sich dann vielleicht selbst etwas von dieser Rolle inspirieren lassen: à la „Vielleicht sollte ich das auch mal ausprobieren“. Wie dieses Ausprobieren dann aussieht, ist jeder/jedem selbst überlassen, solange es im gemeinsamen Einvernehmen geschieht. Pornos stellen ein Medium dar, welches dazu geeignet ist, seinen eigenen Horizont zu erweitern und sie können je nach Genre sehr inclusive Bodypositive sein und sollten daher nicht von vornherein so schlecht gemacht werden.

Was ebenfalls nicht von vornherein abfällig betrachtet werden sollte, ist das jeweilige Sexleben einer Frau. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele „Regeln“ es für Frauen im Umgang mit Sex gibt. Als Jugendliche muss man ja grundsätzlich erst mal das richtige Alter haben, auf keinem Fall darf man zu jung sein, was würde das denn sonst über einen aussagen? Dann darf man auf gar keinen Fall zu schnell innerhalb der Partnerschaft mit der Partnerin/dem Partner schlafen, sonst wirkt es so, als sei man leicht zu haben. Auch die Anzahl der Sexualpartner*innen sollte möglichst gering gehalten werden, sonst wird man schnell als „Flittchen“, „Schlampe“ oder „notgeiles Miststück“ abgestempelt. Meine Großmutter und auch meine Mutter haben mir mehr als nur einmal eingebläut, dass es einer Frau immer anhängen würde, wenn bekannt würde, mit wie vielen Männern/Frauen sie nun tatsächlich geschlafen hat. Aber wieso genau? Bei Männern interessiert sich kaum jemand für die Anzahl der Bettpartner*innen, denn ihr Ansehen oder sozialer Status leidet im Regelfall nicht unter einem ausgeprägten Sexleben und dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern ist meiner Meinung nach auf die Unterdrückung der weiblichen Sexualität zurückzuführen. Schaut man sich die Geschichte der weiblichen Sexualität an, wird schnell deutlich, dass besonders die weibliche Jungfräulichkeit lange Zeit maßgebend für den Wert einer Frau war und der Sexakt an sich zunächst den Genüssen des Mannes und der Fortpflanzung dienen sollte, besonders religiöse Behauptungen stellen hierfür einen großen Punkt dar. So hatte die Kirche besonders im Mittelalter sehr klare Regeln aufgestellt, wie der Sex zwischen Ehepartnern ablaufen sollte: möglichst diskret und ohne große Freude.

Ebenfalls richtete sich die Kirche massiv gegen die sexuelle Aufklärung, besonders gegen die Aufklärung von Frauen, und tabuisiert Sex weiterhin als etwas, über das man auf gar keinen Fall offen reden sollte. Bis vor einigen Jahrzehnten wurden die Mehrheit der Frauen nie wirklich aufgeklärt. Vergewaltigungen in der Ehe waren normal und lange Zeit auch legal, um das gegenseitige Einverständnis kümmerte sich niemand, denn immerhin waren die Paare ja verheiratet, als wäre das der Freifahrtsschein, seine Triebe ungestört auszuleben. Auch wenn sich heutzutage bereits einiges geändert hat, geschah dies in vergleichsweise kurzer Zeit und daher ist dieser unterschwellige Gedanke, dass das selbstbestimmte Ausleben weiblicher Sexualität etwas Falsches an sich hat, nach wie vor erhalten geblieben. Deswegen nutzt man Slutshaming und unüberlegte Aussagen („Wenn eine Frau mit 50 Männern schläft, dann ist sie untenrum irgendwann ganz ausgeleiert und dann spürt man beim Sex ja auch gar nichts mehr“ ist einer meiner Lieblingsaussagen, weil sie so schön unlogisch ist. Wenn eine Frau 50-mal mit dem gleichen Mann schläft, müsste diese Aussage ja dann auch zutreffen, aber bisher habe ich noch von keinem Mann gehört, der seine Partnerin nach dem 50. Mal aufgrund einer „ausgeleierten Vagina“ gewechselt hat.) um Frauen ein schlechtes Gewissen zu machen und zu versuchen, sie daran zu hindern, ihr Sexleben nach ihren Wünschen zu gestalten. Deswegen sollten Frauen sich von solchen Kommentaren nicht verunsichern lassen. Die Einstellung und das Ausleben der eigenen Sexualität ist etwas sehr persönliches, deswegen sollte man sich auch nur nach sich selbst richten und sein Sexualleben so gestalten, wie man selbst das möchte - solange man immer mit Einverständnis des erwachsenen Partners/der erwachsenen Partnerin handelt.

Dieser Blogeintrag ist eine Kollaboration zwischen mehreren Feministinnen. Falls euch dieser Beitrag gefallen hat, geht es hier zu den Posts der anderen Mädels:

World of Enchantment -  Let's talk about sex, baby ♀ Part 1
Hühnerwelt - Meine Gedanken über... Feminismus
Mein Weg zu Nachhaltigkeit und Selbstakzeptanz - Über die "Schlampenlogik" und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen

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